Ein Wert auf dem Display, der alles verändert hat

Gestern Abend saß ich auf der Couch und war einfach nur müde. Nicht die normale Müdigkeit nach einem langen Tag, sondern diese Art von Erschöpfung, bei der man spürt, dass der Körper schon länger auf Reserve läuft.

Ich habe kurz auf mein Fitbit geschaut. Da stand eine Zahl, die mir inzwischen wichtig geworden ist: 32.

Diese Zahl sagt mir, wie erholt oder wie angespannt mein Körper gerade wirklich ist. Nicht wie ich mich fühle, sondern wie es unter der Oberfläche aussieht. Man kann sich das vorstellen wie eine Art Akkustand für das Nervensystem. Niedrig heißt: Der Körper kämpft gerade eher, als dass er sich erholt. Hoch heißt: Da ist Kapazität, um runterzukommen.

Mein erster Gedanke gestern war: Das wird dauern, bis sich das wieder erholt. Ich habe innerlich schon abgehakt, dass ich mich wohl ein paar Tage lang schlapp fühlen würde.

Heute Morgen habe ich mir gezielt meine Werte angeschaut, so wie ich das inzwischen jeden Morgen mache.

41.

Ich habe die Zahl zweimal gelesen, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen. So einen Sprung hatte ich sonst nur nach einem entspannten Wochenende oder einem Urlaub gesehen. Dabei war ich weder im Urlaub, noch hatte ich gerade wenig um die Ohren.

Der einzige Unterschied: Ich habe angefangen, bewusst zu atmen.

 

Eine Technik, die jeder kennt, aber kaum einer wirklich nutzt

Die Atemübung, die ich benutzt habe, ist nichts Neues. Wer sich auch nur ein bisschen mit Stress oder Achtsamkeit beschäftigt hat, ist ihr schon mal begegnet. Vier Sekunden einatmen durch die Nase, acht Sekunden ausatmen durch den Mund, Schultern dabei bewusst fallen lassen. Das Ganze viermal wiederholt. Dauert insgesamt keine Minute.

So wie bei vielen geht das im Alltag mal unter. Routinen und Gewohnheiten fallen weg, auch die guten, einfach weil der Tag voller wird und man nicht mehr bewusst dran denkt. So war das bei mir auch mit der Atemarbeit.

Vor einigen Tagen habe ich das geändert. Nicht aus Disziplin, sondern aus Neugier. Ich wollte nicht mehr nur vermuten, ob mir die Technik guttut. Ich wollte es schwarz auf weiß sehen.

 

Der Unterschied war, dass ich es sehen konnte

Also habe ich angefangen, die Atemübung bewusst einzusetzen und dabei meinen Wert auf dem Fitbit im Blick zu behalten. Das geht übrigens auch mit anderen Wearables, die diesen Wert messen, das Prinzip bleibt dasselbe.

Der Sprung von 32 auf 41 war für mich der erste Moment, in dem eine Technik, die ich schon lange kannte, plötzlich beweisbar wurde. Nicht als Gefühl. Als Zahl auf dem Display.

Und genau das hat etwas in mir verschoben. Wenn ich nur denke "das entspannt mich vielleicht", ist es leicht, es beim nächsten Mal wieder zu vergessen. Wenn ich aber sehe, dass sich innerhalb eines Tages etwas Messbares verändert hat, wird aus einer vagen Idee ein Werkzeug, das ich ernst nehme.

 

Was das eigentlich bedeutet

Ich glaube, das Interessante daran ist nicht mal die Atemtechnik selbst. Die kennt wirklich fast jeder. Das Interessante ist, was passiert, wenn man aufhört zu raten, ob etwas wirkt, und stattdessen hinschaut.

Stress fühlt sich oft diffus an. Man weiß, dass man angespannt ist, aber nicht genau, wie sehr, und schon gar nicht, ob eine bestimmte Gewohnheit wirklich etwas verändert. Ohne einen Anhaltspunkt bleibt vieles im Bereich der Vermutung. Man probiert etwas zwei Tage aus, spürt nichts Dramatisches, und lässt es wieder sein.

Der Wert auf dem Display hat mir das abgenommen. Ich musste nicht mehr raten, ob die knapp eine Minute Atmung am Abend etwas gebracht hat. Ich konnte es am nächsten Morgen ablesen.

Das hat mich auch an etwas Grundsätzlicheres erinnert. Ein Großteil dessen, was uns stresst, sind Gedanken, die wir nicht steuern, sondern die uns steuern. Aber der Körper reagiert direkt auf das, was wir mit ihm tun, unabhängig davon, was der Kopf gerade für ein Drama veranstaltet. Knapp eine Minute bewusstes Atmen hat meinem Körper gereicht, um sich sichtbar zu erholen, mitten in einer Phase, in der äußerlich nichts leichter geworden ist.

 

Was du daraus mitnehmen kannst

Du brauchst kein Wearable, um mit dieser Atemtechnik anzufangen. Sie funktioniert auch ohne Zahl auf einem Display, im Büro, beim Warten an der Kasse, beim Spazieren mit vier Schritten einatmen und acht Schritten ausatmen.

Aber falls du sowieso schon eine Smartwatch oder ein Fitness-Wearable trägst: Probier es einmal bewusst aus. Schau dir an einem stressigen Abend deinen Wert an, mach danach vier Runden der Atemübung, und schau am nächsten Morgen wieder nach. Nicht, weil du unbedingt eine Zahl brauchst, um dir zu glauben. Sondern weil so eine Zahl manchmal der Unterschied ist zwischen "das mache ich vielleicht mal wieder" und "das mache ich jetzt regelmäßig, weil ich weiß, dass es wirkt."

Bei mir war es jedenfalls der Moment, in dem aus einer Technik, die ich kannte, aber nicht mehr regelmäßig genutzt habe, wieder ein fester Bestandteil meines Alltags wurde.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht, mit dieser oder einer anderen Technik? Schreib mir gerne, ich beantworte alle Mails.

PS: Falls du magst, schau in den letzten Essays vorbei, da findest du noch mehr aus dieser Reihe.

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