Der Punkt, an dem ich noch nichts weiß

Es gibt einen Moment, der sich bei mir seit Jahren wiederholt. Immer dann, wenn ich vor etwas Neuem stehe. Ein Thema, das ich noch nicht verstehe. Ein Projekt, bei dem ich am Anfang nicht weiß, wie es funktionieren soll.

In diesem Moment passiert bei mir immer dasselbe. Der Kopf wird laut. Nicht mit einem Gedanken, sondern mit zehn gleichzeitig. Was, wenn ich das nicht kann. Was, wenn ich Zeit verschwende. Was, wenn ich am Ende dastehe wie am Anfang, nur mit weniger Energie.

Und dann schiebe ich es auf.

Nicht bewusst. Ich nenne es nur nicht so. Ich sage mir, ich brauche noch mehr Informationen. Noch ein Video, noch einen Artikel, noch ein Gespräch mit jemandem, der es schon gemacht hat. Klingt vernünftig. Fühlt sich an wie Vorbereitung.

Es ist Angst mit einem guten Anzug an

Ich habe lange gebraucht, um das zu erkennen. Was sich wie Sorgfalt anfühlt, ist bei mir fast immer Angst vor dem Unbekannten. Nicht Angst im dramatischen Sinn. Eher dieses leise Unbehagen, sich in ein Feld zu begeben, in dem man noch keine Kontrolle hat.

Und Kontrolle mag mein Kopf sehr.

Das Fatale daran: Diese Angst tarnt sich gut. Sie klingt nie wie Angst. Sie klingt wie Vernunft. Wie Geduld. Wie "ich will das richtig machen." Dabei ist es meistens nur eine Verzögerung, verpackt in ein vernünftiges Argument.

Ich habe das über Jahre bei mir beobachtet, bei ganz unterschiedlichen Dingen. Neue Themen, neue Projekte, neue Fähigkeiten. Das Muster war fast immer identisch. Erst die Unsicherheit. Dann die Rechtfertigung. Dann das Aufschieben, manchmal wochenlang, manchmal länger.

 

Was passiert, wenn ich trotzdem anfange

Das Interessante ist, was passiert, sobald ich den ersten Schritt trotzdem mache. Nicht den ganzen Plan. Nur den ersten, kleinsten Handgriff, den ich mir zutraue.

In dem Moment kippt etwas. Nicht dramatisch. Eher leise. Der Nebel im Kopf lichtet sich ein kleines Stück, gerade genug, um den nächsten Schritt zu sehen. Und den übernächsten.

Ich habe das inzwischen oft genug erlebt, um es fast wörtlich zu nehmen: Die Klarheit kommt nicht, bevor ich anfange. Sie kommt, weil ich anfange.

Das dreht die ganze Logik um, mit der ich früher an neue Dinge herangegangen bin. Ich dachte immer, ich müsste erst verstehen, dann handeln. Heute weiß ich, bei mir ist es umgekehrt. Ich verstehe, weil ich handle.

 

Der Kopf lügt nicht absichtlich

Ich will meinem Kopf dabei keine böse Absicht unterstellen. Er versucht mich zu schützen. Unsicherheit fühlt sich für ihn nach Gefahr an, also bremst er. Das ist keine Schwäche, das ist einfach, wie er gebaut ist.

Aber ich muss ihm nicht in allem glauben.

Der Wendepunkt, egal bei welchem Thema, sieht bei mir inzwischen immer gleich aus. Ich merke, wie die Ausreden anfangen, vernünftig zu klingen. Und genau da ist der Moment, es trotzdem zu tun. Nicht, weil die Angst weg ist. Sondern obwohl sie noch da ist.

 

Was ich mir inzwischen zutraue

Ich glaube nicht mehr, dass ich erst alles wissen muss, um anzufangen. Ich glaube, ich muss nur den nächsten kleinen Schritt kennen. Der Rest fügt sich meistens unterwegs zusammen, auf eine Art, die ich vorher nie hätte planen können.

Das heißt nicht, dass es sich beim nächsten neuen Thema leichter anfühlt. Wahrscheinlich wird der Kopf wieder laut. Wahrscheinlich werde ich wieder eine vernünftige Ausrede finden.

Aber vielleicht erkenne ich sie inzwischen ein bisschen schneller.

Wo in deinem Leben wartest du gerade darauf, dich sicherer zu fühlen, bevor du anfängst? Und was würde passieren, wenn du den ersten Schritt trotzdem gehst, ohne dieses Gefühl abzuwarten?

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